Es gibt Tage, da öffnet man einen Brief einer Krankenkasse und fragt sich, ob man den Beruf oder einfach nur den Verstand gewechselt hat. Gestern war so ein Tag.
Hier ist der Fall in seiner ganzen, glorreichen Absurdität: Ein Patient. Diagnose: Persönlichkeitsstörung – ein therapeutischer Marathon, kein Sprint. Zwei Jahre lang kämpft er sich zurück, baut Vertrauen auf, investiert jede Woche Kraft und Zeit. Und die Arbeit trägt Früchte. Er fasst wieder Fuss im Arbeitsmarkt. Er steht auf eigenen Beinen. Ein Erfolg, wie er im Lehrbuch steht.
Und dann kommt der Bescheid der Kasse. Die Therapiefrequenz wird halbiert. Die Begründung, ein Meisterwerk bürokratischer Logik: Der Patient funktioniere ja wieder.
Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Es ist, als würde man dem Architekten, der gerade ein stabiles Fundament für ein Haus gegossen hat, mitteilen, man könne jetzt die Hälfte des Betons wieder rauskratzen – das Fundament sei ja nun stabil. Es ist die Logik eines Gärtners, der aufhört, die Pflanze zu giessen, weil sie endlich zu blühen begonnen hat. Erfolg wird nicht als Ergebnis eines Prozesses gesehen, das weiterhin Pflege braucht, sondern als dessen Endpunkt. Als Kündigungsgrund.
So lernt der Patient eine Lektion, die keine Therapie ihm je beibringen könnte: Zeig bloss nicht, dass es dir besser geht. Es könnte dir zum Verhängnis werden.
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